Wie aus einem Schlagerfuzzi mit Cerveza-Infusion plötzlich Ferry Malozze wurde – und keiner rechtzeitig eingegriffen hat!
Jeder große Künstler hat irgendwann diesen einen Moment.
Elvis hatte Memphis.
Falco hatte Wien.
Rod Stewart hatte irgendwann beschlossen, dass Männerhosen grundsätzlich zu weit geschnitten sind.
Und ich?
Ich hatte Bier.
Genauer gesagt:
Blutgruppe Cerveza.
Oli Lenzi war noch halbwegs gesellschaftsfähig
So fing das alles an, 2024, ein Jahr, in dem ich eigentlich noch ein halbwegs gesellschaftsfähiger Schlagersänger namens Oli Lenzi war. Also zumindest auf dem Papier. Ich machte Musik, schrieb Texte, veröffentlichte Platten und konnte mich grundsätzlich noch in normalen Hosen durch eine Fußgängerzone bewegen, ohne dass Menschen stehen blieben und ihre Kinder vorsichtshalber hinter sich zogen.
Dann kam Malle.
Oder besser gesagt:
Malle war eigentlich schon die ganze Zeit da.
Wie so eine leichte chronische Erkrankung. Man merkt sie nicht jeden Tag, aber sobald irgendwo Sonne scheint, ein Beat läuft und jemand ein kaltes Getränk öffnet, brechen die Symptome wieder durch.
Bei mir äußerte sich das ungefähr so: Plötzlich hatte ich einen Text im Kopf. Bier. Party. Playa.
Aber eben nicht diese Sorte Partyschlager, bei der vier Wörter fünfmal wiederholt werden, bis auch der Letzte nach zwölf Cervezas verstanden hat, wo der Refrain anfängt.
Ich wollte schon ein bisschen mehr.
Mehr Text.
Mehr Schmäh.
Mehr Attitüde.
Mehr:
„Entschuldigung, wer hat diesen leicht überheblichen Mann ans Mikrofon gelassen?“
Blutgruppe Cerveza: bescheuert oder ziemlich geil?
Also fing ich an zu schreiben. Und irgendwann stand da dieser Titel: „Blutgruppe Cerveza“. Da wusste ich: Das ist entweder komplett bescheuert. Oder ziemlich geil. Im Showbusiness liegen diese beiden Kategorien bekanntlich ungefähr drei Millimeter auseinander.
Ich schrieb weiter. Feilte. Schob Wörter hin und her. Sang. Nicht klanglos. Baute ein paar Zeilen ein, bei denen Freunde zunächst noch lachten. Dann ein paar, bei denen sie nicht mehr lachten. Und irgendwann ein paar, bei denen jemand sagte:
„Ferry … das kannst du nicht bringen.“
Wobei:
Damals hieß ich offiziell ja noch gar nicht Ferry.
Aber genau solche Sätze sind bei mir traditionell keine Warnungen.
Sie sind eher Qualitätskontrolle.
Wenn mindestens einer sagt:
„Das kannst du nicht bringen“,
weiß ich: Jetzt wird’s interessant.
Kultivierter Kontrollverlust
Also weiter. Ein bisschen Gas rausgenommen.
Ein bisschen schlüpfrige Wortakrobatik wieder eingefangen. Nicht weil ich plötzlich vernünftig geworden wäre. Sondern weil auch der kultivierte Kontrollverlust dramaturgisch geplant sein möchte.
Und irgendwann war das Ding fertig. Knackiger Beat. Mitsingbares Zeug. Rap in den Strophen. Aber kein klassischer Rap.
Eher diese leicht exaltiert-arrogante Nummer.
Halb Mallorca.
Halb Falco.
Halb Größenwahn.
Das sind mathematisch drei Hälften, ich weiß. Aber Mathematik war ohnehin noch nie Teil meines künstlerischen Konzeptes.
Irgendjemand bezeichnete das Ganze schließlich als:
Malozze-Rap.
Und plötzlich hatte ich nicht nur einen Song. Ich hatte gleich noch eine eigene Musikrichtung.
Andere Künstler arbeiten dafür Jahrzehnte. Ich brauchte offenbar nur ein paar Cervezas und ein leicht überentwickeltes Selbstbewusstsein. Problem gelöst.
Wer zum Teufel singt das jetzt?
Es fehlte allerdings noch eine Kleinigkeit.
Wer zum Teufel singt das jetzt?
Denn eines war klar: „Blutgruppe Cerveza“ konnte ich nicht einfach als Oli Lenzi rausbringen und dann so tun, als wäre nichts passiert.
Das wäre ungefähr so gewesen, als würde Helene Fischer plötzlich morgens um halb vier im Megapark auf einen Tisch springen und „MACH MAL DIE MISCHUNG STÄRKER!“ brüllen. Kann man machen. Aber dann braucht man hinterher eine Erklärung.
Also musste jemand Neues her.
Ein Alter Ego.
Ein Mann ohne unnötige Hemmungen.
Ein Typ, der sich morgens nicht fragt:
„Ist das vielleicht ein bisschen drüber?“
Sondern:
„Geht da noch was?“
Ferry Malozze betritt die Bühne
Und irgendwann stand der Name im Raum:
Ferry Malozze.
Ferry.
Malozze.
Schon der Name klang nach einem Menschen, dem man am Flughafen besser nicht die Verantwortung für die Reisegruppe überträgt. Perfekt.
Von diesem Moment an war der Schaden eigentlich nicht mehr aufzuhalten. Plötzlich saß dieser Ferry in meinem Kopf und hatte Anforderungen. Andere Klamotten. Andere Haltung. Mehr Schmuck. Mehr Sonne. Mehr Mallorca. Weniger gesellschaftliche Bremsanlage.
Vor allem brauchte er natürlich ein Video.
Also ab auf die Insel. Sommer. Strand. Liegestuhl. Bier. Beats. Kurz gesagt: Hochkultur.
Und da saß ich nun zum ersten Mal so richtig als Ferry Malozze am Set. Getränk in der Hand. Sonnenbrille auf. Musik an.
Und dachte: Ja. Der Typ gefällt mir. Das bin ja ich in meinen feuchten Träumen.
Was vermutlich bereits das erste Warnzeichen gewesen wäre. Aber niemand hat reagiert. Die Crew nicht. Das Umfeld nicht. Ich eh nicht. Also durfte er bleiben.
Verdächtig normal ist bei mir ein Warnsignal
Der Videodreh selbst verlief zunächst verdächtig normal. Und wenn bei mir etwas verdächtig normal läuft, macht mich das inzwischen nervös.
Ein paar Szenen am Strand. Bauhaus-Stuhl im Wasser. Getränk hoch. Kamera. Grinsen. Noch mal. Andere Perspektive. Alles sauber. Fast professionell.
Für eine Szene sollte ich mit einem schönen, frisch eingeschenkten Cerveza möglichst entspannt Richtung Kamera schlendern. Ganz lässig. So nach dem Motto: Ich bin Ferry Malozze, die Sonne scheint nur wegen mir und dieses Bier hat gerade den besten Arbeitsplatz Europas.
Erster Take. Super.
Zweiter Take. Noch besser.
Beim dritten Take war ich dann offenbar schon so tief in meiner neuen Rolle, dass ich beschloss, etwas mehr Körpersprache einzubauen. Hüfte. Schulter. Leichtes Rappergewippe. Ein bisschen Falco für Arme. Nur eben am Strand.
Method Acting mit Bierdusche
Und dann trat ich auf irgendwas. Bis heute weiß ich nicht genau, was es war. Stein, Muschel, Dose? Jedenfalls knickte mein Fuß kurz weg.
Ich versuchte natürlich, das sofort lässig abzufangen. Oberkörper nach vorne. Bier nach oben. In meinem verzweifelten Versuch, das Gleichgewicht zu retten, hatte ich den kompletten Inhalt des Bierbechers einmal sehr elegant über mich selbst geschüttet.
Von oben bis unten.
Shirt nass.
Hose nass.
Schuhe nass.
Nur das Gesicht blieb erstaunlicherweise trocken.
Zum ersten Mal offiziell in meiner neuen Künstlerrolle, komplett nach Cerveza riechend. Und dachte: Passt doch perfekt. Blutgruppe Cerveza. Jetzt auch äußerlich.
Method Acting nennt Hollywood sowas. Andere Schauspieler hungern monatelang für ihre Rollen. Ich lasse mir ein Bier über den Sack laufen. Jeder hat seine Methode!
Plötzlich war mehr Ferry im Bild

Und tatsächlich entwickelte sich der Look sogar ganz gut. Das Shirt klebte ein bisschen enger. Die Hose ebenfalls. Was wiederum den Nebeneffekt hatte, dass plötzlich deutlich mehr Ferry Malozze im Bild war als ursprünglich kalkuliert.
Nach einer halben Stunde „Acting“ war ich tatsächlich wieder weitgehend trocken. Der Cerveza-Geruch blieb. Aber ehrlich gesagt: An der Playa fällt das vermutlich erst auf, wenn man nicht nach Bier riecht.
Also weitergedreht. Beat an. Sonnenbrille. Pose.
Und da passierte etwas Interessantes.
Je länger dieser Drehtag ging, desto weniger fühlte es sich an, als würde Oli Lenzi eine Figur spielen. Dieser Ferry war plötzlich einfach da. Lockerer. Frecher. Ein bisschen arroganter. Ein bisschen rappiger. Und komplett frei von dem inneren Mitarbeiter, der normalerweise gelegentlich fragt: „Muss das wirklich sein?“
Ja.
Musste.
Unbedingt sogar.
Kein weiteres Etikett im Ballermann-Regal
Ich wollte keinen weiteren Song ins ohnehin prall gefüllte Ballermann-Regal stellen, bei dem nur das Etikett anders aussieht.
„Blutgruppe Cerveza“ sollte schon ein bisschen anders ticken.
Party, klar. Mallorca, selbstverständlich. Aber mit Worten. Mit Charakter. Mit einem leichten Größenwahn, der nie ganz ernst gemeint ist. Mit dieser kleinen Falco-Kante.
Und vor allem: Mit einem Augenzwinkern, das groß genug ist, dass auch nach acht Cervezas noch jeder erkennt, dass wir hier nicht gerade über Weltpolitik sprechen.
Am 26. Juli 2024 war Ferry Malozze geboren
Am 26. Juli 2024 war es dann so weit.
„Blutgruppe Cerveza“ ging offiziell raus.
Und Ferry Malozze war geboren.
Keine Ahnung, ob die Welt auf ihn gewartet hatte.
Aber jetzt war er nun mal da.
Pech gehabt.
Und plötzlich passierten tatsächlich Dinge. Zeitungsartikel. Streams. YouTube. Radios. Alles bisher nicht gekannt ausm Schlagerbiz. Plötzlich Leute, die den Namen kannten.
Und irgendwann tauchte „Blutgruppe Cerveza“ sogar in den Ballermann-Radio-Charts auf.
Da sitzt man dann und denkt:
Moment.
Die spielen das wirklich?
Freiwillig?
Fantastisch.
Eine neue Spielwiese
Denn ursprünglich war der Plan eigentlich ziemlich simpel gewesen: Einen geilen Song machen. Spaß haben. Mal sehen, was passiert.
Ein One-Hit-Wonder? Klar. Würde ich jetzt aus Prinzip nicht zurückweisen. Ich bin Künstler, nicht vollkommen bescheuert.
Aber wichtiger war etwas anderes: Da war plötzlich eine neue Spielwiese. Eine Figur, mit der ich musikalisch Sachen machen konnte, für die Oli Lenzi vielleicht erstmal beim Betriebsrat hätte nachfragen müssen.
Ferry musste niemanden fragen.
Ferry machte einfach.
Und genau genommen war „Blutgruppe Cerveza“ deshalb nicht nur meine erste Partysingle. Es war die Eröffnung eines ganzen kleinen Paralleluniversums.
Damals wusste ich natürlich noch nicht, was danach kommen würde. Noch keine Gummistiefel, die sich an meinen Beinen festsaugen. Keine nächtliche Tiefkühlung in Santa Ponsa. Keine 167 BPM. Keine Rod-Stewart-Gedächtnisleggings mit potenzieller Hinterlüftung.
Nur ein Typ, ein Bier, ein Beat. Und eine zunehmend bedenkliche Freude daran, Ferry Malozze zu sein.
Im Nachhinein hätte vielleicht jemand einschreiten müssen.
Hat aber keiner.
Und deshalb sind wir heute da, wo wir sind.
Diagnose: unheilbar
Blutgruppe: Cerveza.
Diagnose: unheilbar.
Therapie: sinnlos.
Und der Patient?
Hat gerade erst angefangen.
To be continued …
