Der Morgen begann, wie ein professioneller Drehtag eben beginnt: leicht verspätet, minimal auf Krawall gebürstet und mit der inneren Ruhe eines Pfandautomaten kurz vor Ladenschluss. Zur Beruhigung des eigenen Gleichgewichtes und der Arterien erdete ich mich eben noch mit einem Croissant und drei Scotch-Cokes.
Also schnell rein ins schwarz-rote Outfit, zackig in die strammen Hunter-Gummistiefel geschossen – die waren zwar ungefähr eine Nummer zu klein, aber seit wann interessiert sich das Showbusiness bitte für Durchblutung? Wer auf die Bühne will, muss leiden. Oder zumindest irgendwann seine Füße nicht mehr spüren.
Dann ging’s ans Set.
Und irgendwann kam sie: die Poolszene.
Jetzt muss man ehrlich sein: Ich hatte es morgens nicht mal mehr unter die Dusche geschafft. Ein kleiner organisatorischer Schönheitsfehler, wie man in der Branche sagt. Also dachte ich beim Dreh ganz professionell: Wenn schon keine Morgendusche, dann machen wir jetzt eben direkt Vollwaschgang Deluxe.
Gesagt, getan. Ich marschiere also einfach mit kompletter Montur in den Pool. Outfit, Stiefel, alles. Sehr seriös. Sehr international. Sehr „Hollywood hat angerufen und möchte seine Würde zurück“. (Kann man sich übrigens auch auf YouTube anschauen. Falls jemand schon immer wissen wollte, wie ein Mann aussieht, der versucht, gleichzeitig Musikvideo, Körperpflege und Versicherungsschaden zu kombinieren. LLL)
Der eigentliche Höhepunkt kam natürlich erst nach dem Dreh: Ich wollte raus aus den nassen Klamotten. Verständlich. Menschlich. Logisch. Problem:
Die feinen Hunter-Stiefel wollten nicht raus aus mir. Nicht einen Millimeter waren die Qualitätsteile zu bewegen. Die Dinger hatten sich an meinen Beinen festgesaugt wie zwei übermotivierte Staubsauger. Ich zog. Ich fluchte. Ich verhandelte. Nichts.
Nach und nach rückte die komplette Crew an. Kameramann, Maske, Licht, wahrscheinlich auch Menschen, die eigentlich nur zufällig in der Nähe standen und plötzlich Teil eines medizinisch fragwürdigen Rettungseinsatzes wurden. Es sah aus wie im Märchen von der Rübe. Nur eben ohne Rübe. Dafür mit einem nassen Musiker, zwei Gummistiefeln und einem armen Beleuchter, der an meinem linken Bein hing, als würde dort unten der geheime Schatz von Llucmajor vergraben liegen. Ich dachte wirklich: Gleich ziehen die mir nicht die Stiefel aus, sondern direkt beide Beine gleich mit.
Nach einer Stunde – und nein, das ist keine künstlerische Übertreibung, sondern traurige High-End-Realität – war immer noch nichts passiert. Die Stiefel saßen. Ich saß. Die Würde war längst abgereist und hatte wahrscheinlich schon eingecheckt. Zur Dehydration konnte ich in der Zeit noch zwei weitere Mischen wegschnökern. Ich musste ja kaum etwas tun, nur meine Greten hinhalten. Auch wenn es durch das Ziehen und Reißen stets arg ruckelte, schaute ich zuweilen nur darauf, dass mein Drink nicht verschüttet wurde.
Zwischendurch verlangte ich jedoch mehrfach nach einer Gartenschere. Mein Plan war inzwischen simpel: seitlich aufschneiden und raus mit dem Elend. Wenn schon kein Happy End, dann wenigstens ein sauberer Schnitt.
Und dann kam die Rettung. Nicht von der Regie. Nicht vom Styling. Nicht von der Technik. Sondern von der Cateringtante. Mit einer kleinen Flasche Pril-Spülmittel. Manchmal trägt Erlösung eben keine Uniform, sondern riecht nach Zitrone. Sie kippt das Zeug einfach komplett in beide Stiefel. Dreht. Schüttelt. Schmiert. Macht und tut. Und plötzlich: ein erstes Quietschen. Ein Lebenszeichen. Hoffnung.
Die Crew ging wieder in Position. Alle Mann ran ans kollektive Ziehwerk. Noch mal zerren. Noch mal reißen. Noch mal Vollgas. Es war weniger Videodreh, mehr Team-Building-Maßnahme mit erhöhter Verletzungsgefahr. Und tatsächlich: Nach anderthalb Stunden war ich endlich frei. Die Stiefel waren ab.
Ich war nass, erschöpft, seelisch angekratzt und vermutlich offiziell spülmaschinengeeignet. Zwei Tage später hatte ich immer noch Leistenschmerzen, als hätte ich an einer obskuren Extrem-Olympiade im Synchron-Stiefelziehen teilgenommen. Aber ganz ehrlich: Genau solche völlig bekloppten, echten Geschichten sind es doch, die bleiben.
Nicht die perfekt geplanten Momente. Nicht die Hochglanznummern. Sondern diese Situationen, in denen man irgendwo auf Malle in nassen Klamotten steht, während fünf Menschen versuchen, einen aus Gummistiefeln zu befreien, und eine Frau vom Catering mit Pril zur Heldin des Tages wird.
Und irgendwo zwischen Pool, Panik und Pril wurde dann klar: Diese Hunter-Gummistiefel müssen nochmal zurückkommen. Natürlich habe ich als ästhetischer Wortakrobat LLLLL nicht stundenlang am Wort „Gummistiefel“ herumgefeilt. Das wäre ja bei weitem zu profan für einen Ferry Malozze gewesen. Nein, ich blieb natürlich am Wort „Hunter“ hängen.
Und dann machte es plötzlich:
Zack.
Bums.
„Promille Hunter“.
Der Nachfolgesong war geboren. Und wie diese gottlosen Stiefel wollte auch der Song danach einfach nicht mehr raus aus meinem Kopf. Aber dazu mehr im nächsten Blogartikel.
To be continued …
